Große Zahlen, nichts dahinter: Das neue Klimaschutzprogramm der Bundesregierung

Warum ein neues Klimaschutzprogramm?
Die Bundesregierung musste gemäß dem Klimaschutzgesetz eine neues Klimaschutzprogramm aufstellen, da bisherige Klimaschutzbemühungen der Regierung (Projektionsdaten für 2025 und 2026) eine deutliche Lücke zu den gesetzlich festgelegten Klimaschutzzielen aufwiesen. Bis zum 25.03.2026 hatte die Bundesregierung nun Zeit, ein solches neues Klimaschutzprogramm vorzustellen, mit dem die Klimaschutzziele Deutschlands [1] erreicht werden können. Hier nochmal eine kurze Erinnerung daran, was diese Ziele im Kern umfassen:
Deutschlands Klimaschutzziele
1
Senkung der Treibhausgas-Emissionen bis 2030 um mindestens 65%*
2
Senkung der Treibhausgas-Emissionen bis 2040 um mindestens 88%*
3
Klimaneutralität bis 2045
*im Vergleich zum Stand von 1990
Warum halten Experten vom neuen Klimaschutzprogramm wenig?
Auf dem Papier macht das Programm einiges her, insgesamt enthält es 67 Maßnahmen, darunter die folgenden, aufgeführt nach den verschiedenen Sektoren (Auszug aus [2]):
Energie: Ausbau von Windkraft an Land (rund 2000 Windräder),
Industrie: Elektrifizierung und Dekarbonisierung (u.a. durch Einsatz von Wärmepumpen),
Verkehr: Förderung von 800.000 Elektroautos, Ausbau der Ladeinfrastruktur, Weiterfinanzierung des Deutschland-Tickets bis 2030,
Gebäude: neues Fernwärmepaket mit höherem Anteil an erneuerbaren Energien,
Landwirtschaft: landwirtschaftliche Maschinen sollen elektrisch betrieben werden,
Natur: Wiederaufbereitung von Mooren, Wäldern und Böden zur Bindung von CO2.
Zudem wird mit großen Zahlen jongliert, die den Effekt des Programms überzeugend verkaufen möchten, wie etwa 8 Milliarden Euro, die zusätzlich in den nächsten vier Jahren für die Maßnahmen bereitgestellt würden, und fast 7 Milliarden Kubikmeter Erdgas sowie ca. 4 Milliarden Liter Benzin, die 2030 eingespart werden sollen. Was nach viel klingt, ist leider wenig geeignet, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Wo die genauen Probleme und Widersprüche liegen, möchten wir im Folgenden aufzeigen (orientiert an den Stellungnahmen zahlreicher Experten in [3]):
Ein wichtiger Punkt, der zu Überschätzungen bei den Einsparungen führt, ist eine veraltete Datengrundlage, die bei den Berechnungen zugrunde gelegt wurde:
Das Klimaschutzprogramm nutzt als Basis den ein Jahr alten Projektionsbericht, in dem die Lücke zum 2030er Ziel noch kleiner ist als im aktuellen (25 gegenüber 30 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten in 2030). Das ist formal erlaubt, weil der neue Projektionsbericht erst noch vom Expertenrat für Klimafragen geprüft werden muss. Es ist aber auch unrealistisch, denn das Umweltbundesamt nimmt im neuen Projektionsbericht einen langsameren Ausbau der Erneuerbaren, des Verkaufs von E-Autos und des Austauschs fossiler Heizungen an – alles Auswirkungen der von der Regierung im vergangenen Jahr geschürten Unsicherheit.
— Dr. Niklas Höhne, Mitbegründer des New Climate Institutes in Köln, zitiert aus [3]

Ein entscheidendes Problem ist zudem, dass mit den obigen Maßnahmen die Klimaziele gar nicht erreicht werden können, da die prognostizierten Emissions-Einsparungen zu optimistisch berechnet wurden. Dr. Niklas Höhne zählt hierfür einige Beispiele auf, u.a. die verpflichtende Verwendung von extrem teuren Biokraftstoffen, die sowohl für den Verkehrs- als auch Gebäudesektor genutzt werden sollen; das Ignorieren der Emissionen, die bei deren Produktion entstehen. Außerdem weist er darauf hin, dass der geplante Windkraftausbau keine Neuerung gegenüber dem bestehenden Klimaschutzziel sei.
Zu den rechnerischen Unstimmigkeiten kommen politische Inkonsistenzen hinzu: Die im Klimaschutzprogramm vorgestellten Maßnahmen stehen im klaren Widerspruch zu anderen von der Bundesregierung getroffenen Entscheidungen, wie etwa dem Netzpaket von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, das erst vor wenigen Wochen vorgestellt wurde und den Ausbau erneuerbarer Energien massiv ausbremst. Zudem wird das Heizungsgesetz durch das Gebäudemodernisierungsgesetz abgelöst, in dem die 65%-Regel für erneuerbare Energien gestrichen wird [4] (ursprünglich sollten neu eingebaute Heizungen mit mind. 65% erneuerbaren Energien laufen); ferner wurde das Aus des Verbrenner-Aus angekündigt [5] sowie weitere Subventionierungen von Flugreisen [6].
Wir haben beim Klimaschutz keinen Mangel an angekündigten Einzelmaßnahmen, sondern einen Mangel an Konsistenz und politischer Verbindlichkeit. — Prof. Dr. Erik Gawel, Leiter des Departments Ökonomie, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig und Direktor des Instituts für Infrastruktur- und Ressourcenmanagement der Universität Leipzig, zitiert aus [3]
Vor diesem Hintergrund erscheint das Klimaschutzprogramm für die Bundesregierung eher wie eine lästige Formalie voller aufgeblähter Ankündigungen, die gar nicht auf eine tatsächliche Senkung der Emissionen abzielen, sondern ein business as usual-Szenario anstreben.
Insgesamt überrascht es daher wenig, dass das Klimaschutzprogramm durch eine intensive Prüfung des Expertenrats für Klimafragen durchgefallen ist und »die bisherigen Maßnahmen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ausreichen werden, um die Erreichung der Klimaschutzziele sicherzustellen.« [7] Zudem wird hervorgehoben, dass fehlende Klarheit bzgl. Finanzierung, Akzeptanz und Infrastruktur die angekündigten Emissionsreduzierungen einschränken können. Auch Niklas Höhne merkt an, dass ein genaues Konzept zur Weiterfinanzierung des DE-Tickets fehlt [3].
Tatsächliche Lösungen
Die gute Nachricht ist: Es gibt viele Lösungen, die tatsächlich etwas bewirken und mit denen die Klimaziele noch erreicht werden können [8]. Effektive Maßnahmen laut Experten [3, 6] sind z.B.
-
Wegfall von umweltschädlichen Subventionen wie z.B. Diesel- und Dienstwagenprivileg, Flugverkehr
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Einführung eines Tempolimits (hierzu wurden Berechnungen zu genauen Einsparungen vom Umweltbundesamt durchgeführt)
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Verbrenner-Aus bis 2035
-
Austausch fossiler Heizungen, umfassende Gebäudesanierungen
-
65%-Regel bei Heizungen (s.o.)
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Ausstieg aus Erdgas
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Förderung des ÖPNV
-
stärkerer Ausbau der Infrastruktur für Fahrradfahrer
-
19% Mehrwertsteuer auf tierische Produkte
Grüne Städte schützen das Klima!

Eine weitere sinnvolle und effektive Maßnahme für mehr Klimaschutz, bzw. Klimaanpassung, ist Stadtbegrünung, wie kürzlich zwei Studien von der Technischen Universität München [9] und der Justus-Liebig-Universität Gießen [10] herausgefunden haben: Grünflächen können je nach Vegetationsstruktur enorme Mengen an CO2 speichern. Vor allem Grünflächen mit Bäumen und Sträuchern sind große, sogenannte Kohlenstoff-Senken: »An einigen Sommertagen kann ihre Aufnahmeleistung den Ausstoß des Münchner Stadtverkehrs decken und zeitweise sogar übertreffen.« [9] Auch Grünflächen mit Gehölzen oder Wildblumenwiesen haben bei den Messungen hohe Kohlenstoff-Werte ergeben [10]. Weitere Vorteile von urbanen Grünflächen sind ihr kühlender Effekt durch Schattenspendung und Verdunstung [11]. Zudem fungieren sie als Versickerungsfläche und steigern allgemein die Lebensqualität, wie die Mitautorin der Münchner Studie Prof. Jia Chen hervorhebt.
Ausblick
Auch wenn das Klimaschutzprogramm zunächst entmutigend wirkt, sollte man sich immer wieder vor Augen halten, dass es effektive Lösungen gibt, die teilweise auch schon umgesetzt werden. Das Umweltbundesamt berichtet z.B. über die »deutlich gestiegene Akzeptanz für die klimafreundliche Wärmepumpe […]: So hat die Wärmepumpe 2025 die Gasheizung als meistverkaufte Heizungsart überholt und wurde 299.000-mal verkauft – 55 Prozent mehr als im Vorjahr.« [12]. Wer etwas in kleinerem Rahmen bewirken möchte, kann sich gerne unseren Artikel zum Klima-Handabdruck durchlesen, um mit ein paar leicht umsetzbaren Alltags-Handlungen positive Effekte für das Klima zu bewirken!
Quellen:
[1] https://www.umweltbundesamt.de/daten/klima/treibhausgasminderungsziele-deutschlands, zuletzt aufgerufen am 27.03.2026
[2] https://www.bundesumweltministerium.de/pressemitteilung/klimaschutzprogramm-2026-macht-deutschland-moderner-und-unabhaengiger-von-oel-und-gas, zuletzt aufgerufen am 27.03.2026
[3] https://www.sciencemediacenter.de/angebote/das-neue-klimaschutzprogramm-der-bundesregierung-26058, zuletzt aufgerufen am 27.03.2026
[4] https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Expose/Energie/gebaeudemodernisierungsgesetz.html, zuletzt aufgerufen am 27.03.2026[5] https://www.tagesschau.de/wirtschaft/energie/verbrenneraus-folgen-100.html, zuletzt aufgerufen am 27.03.2026
[6] https://www.tagesschau.de/wissen/klima/klimaziele-hoehne-100.html, zuletzt aufgerufen am 27.03.2026
[7] https://expertenrat-klima.de/presse/pressemitteilung-zur-stellungnahme-zum-entwurf-des-klimaschutzprogramms-2026, zuletzt aufgerufen am 27.03.2026
[8] https://www.fr.de/wissen/milliarden-strafen-drohen-klimaschutzprogramm-muss-co-luecke-schliessen-zr-94232526.html#google_vignette, zuletzt aufgerufen am 27.03.2026
[9] https://www.tum.de/aktuelles/alle-meldungen/pressemitteilungen/details/stadtbaeume-koennen-im-sommer-mehr-co2-aufnehmen-als-autos-ausstossen, zuletzt aufgerufen am 27.03.2026
[10] https://www.uni-giessen.de/de/ueber-uns/pressestelle/pm/pm20-26urbanegruenflaechenundklimaschutz, zuletzt aufgerufen am 27.03.2026
[11] https://www.tagesschau.de/wissen/klima/gruenflaechen-stadt-co2-100.html, zuletzt aufgerufen am 27.03.2026
[12] https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/treibhausgasdaten-zeigen-klimaschutz-braucht-neuen, zuletzt aufgerufen am 27.03.2026
[13] https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr/nachhaltige-mobilitaet/tempolimit, zuletzt aufgerufen am 27.03.2026

